Buchwerdung
Vom Gedanken zum Buch

Jener Moment, in dem sich etwas verändert
Es war jene Nacht 2019, während der Raunächte kurz vor Weihnachten. In einem dieser Träume, die einen schweissgebadet aufschrecken lassen. Da tat sich in mir eine Welt auf. Zu Beginn lediglich eine Szene, eine Sequenz, ein Augenblick. Dachte ich. Doch je länger ich darüber nachdachte und sinnierte, was ich wirklich sah, und überlegte, was mir die Bilder mitteilen wollen, entstand eine Geschichte.
Über die Feiertage hatte ich viel Zeit, mir das im Traum Gesehene wieder und wieder vor Augen zu führen. Die Erinnerungen wurden von Mal zu Mal klarer. Ein Handlungsstrang offenbarte sich mir. Die Geschichte wurde grösser und gewann an Gewichtigkeit, so begann ich einzelne Stationen zu notieren. Figuren erwachten, ich erkannte, die Figuren wollen sich mir mitteilen.
Am Freitag, den 3. Januar 2020, frühmorgens um 04:06 Uhr, tippte ich den ersten Buchstaben in eine Skript-Datei …
Nun blieb es jedoch nicht bei der einen Geschichte. Ich sah vor meinem geistigen Auge – oder wie man dem auch immer sagen will – weitere Handlungsstränge und baute sie in meine Geschichte ein. Doch einige Sequenzen und Szenen wollten einfach nicht passen. Also legte ich sie für später ab. Dachte ich zumindest. Denn lediglich ein einziger dieser abgelegten Handlungsstränge fand schließlich den Weg in meine Saga.
Und was wurde oder wird aus den anderen Szenen? Sechs Monate nach Schreibbeginn, im Juni 2020, fügten sich einige davon zu einer völlig neuen Geschichte zusammen. Je länger ich darüber sinnierte, desto klarer wurde das Bild. Dann tat sich vor mir plötzlich der Titel auf: „Das letzte Paradies“.
Es ist auch die Geschichte, die es als erste geschafft hat, ein richtiges Buch zu werden. Wie dieser Werdegang aussieht und wie so ein Buch Schritt für Schritt entsteht, möchte ich hier etwas erläutern.
Vom gedruckten Bogen zum Buchblock
Ein Buch entsteht bei mir nicht im Druckzentrum, sondern Stück für Stück an der Werkbank. Nachdem die gedruckten Seiten vorliegen, beginnt der eigentliche händische Prozess:
1. Das präzise Falzen der Bögen
Jedes Buch beginnt mit dem richtigen Knick. Damit die gedruckten Seiten später exakt übereinanderliegen und ein gleichmäßiges Schriftbild bilden, wird jeder Bogen einzeln von Hand gefalzt.

Hier zeigt sich bereits, wie wichtig das richtige Materialgefühl ist: Der Druck des Falzbeins muss exakt dosiert sein, damit die Papierfaser sauber bricht, ohne einzureißen. Mehrere gefalzte Bögen werden anschließend zu einer sogenannten Lage zusammengesteckt.
2. Der Aufbau der Lagen
Ein Buchblock besteht nicht aus einzelnen lose aneinandergefügten Blättern, sondern aus mehreren ineinandergesteckten Bögen. In diesem Fall bilden jeweils drei gefalzte Bögen eine sogenannte Lage (oder einen Bund).

Dieser schrittweise Aufbau ist das Fundament für die spätere Haltbarkeit. Je exakter die Bögen ineinanderliegen, desto stabiler und gleichmäßiger lässt sich der gesamte Buchblock anschließend vernähen.
3. Die Qualitätskontrolle des Stoßes
Bevor die Lagen fest miteinander verbunden werden, folgt der prüfende Blick. Der gesamte Stapel wird exakt ausgerichtet und Bogen für Bogen kontrolliert.

Stimmt hier eine Seitenzahl nicht oder steht ein Satzspiegel schief, lässt sich das nach dem Vernähen nicht mehr korrigieren. Erst wenn die Reihenfolge makellos ist und die Kanten perfekt aufeinanderliegen, geht der Buchblock frei für den nächsten Schritt.
4. Individuelles Vorsatzpapier & Verstärkung am Falz
Handarbeit erlaubt eine Flexibilität, die kein normales Druckzentrum bieten kann: Details werden genau auf den späteren Besitzer abgestimmt. Für dieses Exemplar fiel die Wahl auf ein kräftiges Rot.

Das Vorsatzpapier bildet die spätere Brücke zwischen dem Buchblock und dem festen Einband. Da am ersten und letzten Falz beim Öffnen des Buches die größten Zugkräfte wirken – und damit der gewachste Faden das Papier auf Dauer nicht einschneidet –, kommt hier ein wichtiger Kniff zum Einsatz: Der Falz wird fein mit Leim verstärkt. So bleibt das Papier geschmeidig, erhält aber genau die nötige Reißfestigkeit für Jahrzehnte.
5. Das Anpressen im Buchblock
Bevor der Faden gezogen wird, muss die Luft aus dem Stapel. Der gesamte, noch unvernähte Buchblock wandert dafür fest eingespannt in die Presse und bleibt dort für etwa eine Stunde.

Durch den gleichmäßigen Druck brechen die Papierfasern an den Falzen endgültig und legen sich flach. Erst dieser Zwischenschritt sorgt dafür, dass der spätere Buchblock kompakt bleibt, nicht aufquillt und die perfekte Spannung für das eigentliche Vernähen hat.
6. Präzisionsarbeit: Das Perforieren mit Schablone
Damit die Fäden später auf den Millimeter genau sitzen, werden die Löcher für die Heftung vor gestochen. Hier kommt eine eigens angefertigte Schablone zum Einsatz.

Da alle Lagen exakt an denselben Stellen durchstochen werden müssen, gilt hier das Prinzip: Eine Schablone für das gesamte Buch. Nur so verläuft der Faden beim Vernähen absolut rechtwinklig, und die Bünde auf dem Rücken bilden eine perfekte, gerade Linie.
7. Die Französische Heftung
Um die Technik anschaulich zu machen, bleiben das Deckblatt und die ersten drei Lagen auf diesem Bild bewusst etwas lockerer gefügt. Hier zeigt sich die klassische Französische Nähart.

Bei dieser traditionellen Hefttechnik schlingt sich der gewachste Faden in einer durchgehenden Achterform durch die Lagen. Das sichtbare Zusammenspiel aus Faden und Bünden sorgt nicht nur für enorme Stabilität, sondern garantiert auch, dass sich das fertige Buch später wunderbar flach aufschlagen lässt, ohne im Rücken zu brechen.
8. Kapitalband, Lesezeichen & Rückenverleimung
Ist der Block stramm vernäht, folgen das Lesezeichen und das Kapitalband an Kopf und Fuß des Rückens. Anschließend wird der Rücken beleimt und mit Gaze verstärkt.
Bild-Idee: Das Anbringen des Lesebands und der frische Leimauftrag auf dem Rücken.
Kernbotschaft: Der Leim hält die Lagen unlösbar zusammen, während das Gewebe dem Rücken Flexibilität gibt.
9. Das Ruhen in der Presse (24 Stunden)
Nach dem Verleimen wandert der komplette Buchblock für einen ganzen Tag unter gleichmäßigen Druck.
Bild-Idee: Der fertige, eingespannte Buchblock im Trockenprozess.
Kernbotschaft: Holz und Papier arbeiten mit der Feuchtigkeit des Leims. Erst das lange Aushärten garantiert einen absolut schnurgeraden, verzugsfreien Buchblock.