Leseproben & Textsplitter
Einblicke in aktuelle Kapitel, Prologe und die Sprache meiner Geschichten.
Ein Buch offenbart seine Seele im Klang seiner Worte. In diesem Bereich präsentiere ich regelmäßig wechselnde Ausschnitte aus vollendeten Werken, kommenden Bänden oder unveröffentlichten Manuskripten – ein Einblick direkt von der Werkbank des Autors.
Aktuelle Leseprobe der Woche
Prolog zu: «Ein Samstag Ende Mai»
Das Leben eines Handwerkers wird von Mustern bestimmt. Von Linien, die präzise gezogen werden müssen, von Materialien, die sich dem Willen des Schöpfers beugen, und von der unumstößlichen Logik der Statik. Ich habe mein ganzes Leben nach diesen Regeln ausgerichtet. Mein Haus war geordnet, mein Geist war ruhig, und die Stille in meinen perfekt eingerichteten Räumen war mein treuester Begleiter. Ich vermisste nichts. Zumindest redete ich mir das über viele Jahre hinweg erfolgreich ein. Perfektion kann unheimlich einsam sein, doch wenn man die Sehnsucht gut genug unter harter Arbeit vergräbt, vergisst man irgendwann, dass sie überhaupt existiert. Doch der Mensch ist nicht dafür gebaut, eine Festung zu sein.
Die Zeit ist kein gerader Strich auf einem Bauplan. Sie ist ein tiefes, unsichtbares Meer, das manchmal Wellen aufwirft, die Jahrtausende alt sind.
An jenem schicksalhaften Tag im Mai wollte ich eigentlich nur meinen wuchernden Rasen das erste Mal in diesem Jahr mähen. Alles war wie immer. Der Rasen zu hoch und noch voller Farbtupfer der ersten Blumen. Doch unmittelbar vor dem wiederholten Mal starten des Mähers, in den Sekunden direkt am Zaun zur Hauptstraße, beschloss das Universum, die Statik meines gesamten Daseins radikal aus den Angeln zu heben.
Es brauchte nur einen einzigen, unerwarteten Moment. Den Anblick einer außergewöhnlichen Frau mit einem Sonnenschirm. Eine Begegnung, die mich wie ein Blitz traf und eine Kette von Ereignissen auslöste, auf die kein Verstand der Welt mich hätte vorbereiten können. Noch bevor mein Verstand überhaupt alle Wahrnehmungen meiner Sinne verarbeiten konnte, war meine mühsam errichtete Festung bereits Stein für Stein abgetragen. Eine einzige Sekunde genügte, um mir zu zeigen, wie leer mein geordnetes Leben in Wahrheit war, und das Gefüge meiner Seele für immer zu verändern.
Denn es gibt Besuche, die sucht man nicht. Sie finden dich.
Rückblick & Ausblick
Die Leseprobe wechselt regelmäßig.
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